Thiago or No-Go oder Arjen und der Wunderheiler

Welcher Bayern-Fan erinnert sich nicht mit Schrecken an den Sommer 2010 zurück, als wir nach dem ersten Jahr mit Luis van Gaal fast das Triple gewannen und eine – überraschend gute – WM hinter uns hatten, die unseren Shootingstar Thomas Müller als WM-Torschützenkönig krönte, unsere medizinische Abteilung aber, nach der Rückkehr des Vizeweltmeisters Arjen Robben aus Südafrika und anschließendem Urlaub, in dessen Oberschenkel ein Centimeter großes Loch entdeckte.

Fassungslosigkeit allüberall.

An diese Entdeckung schloss sich eine schier endlos wirkende Posse zwischen dem FC Bayern, dem niederländischen Fußballverband KNVB, den jeweiligen medizinischen Abteilungen und deren Ärzten an. Die Medien hatten ihren Spaß – wir Fans nur eher so mittel…

Wie komme ich aber nun dazu, dieses schmerzhafte (sic!) Kapitel noch einmal aus der bayerischen Mottenkiste zu holen?

Thiago Alcántara do Nascimento ist der Grund. Genauer gesagt sein rechtes Knie. Und dessen Bänder.

Lange Zeit war dies nur eine bittere Verletzungsgeschichte, aber so nach und nach fühlte ich mich immer ein wenig mehr an die Umstände des Jahres 2010 erinnert.

Was bisher geschah:

[29.03.2014] Thiago verletzt sich bei einem Pressschlag mit Kevin Volland im Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim (3:3). Diagnose:

Thiago hat einen ausgedehnten Teilriss des Innenbandes im rechten Knie erlitten. Das Knie des Spaniers wurde mit einem Gips für 14 Tage ruhig gestellt. Anschließend bekommt Thiago eine Schiene. Insgesamt wird der Sommer-Neuzugang dem FC Bayern sechs bis acht Wochen fehlen.

[27.04.2014] Thiago nimmt das Lauftraining wieder auf.

Der spanische Nationalspieler hat vier Wochen nach seinem gegen Hoffenheim erlittenen Teilriss des Innenbandes im rechten Knie das Lauftraining wieder aufgenommen […] so dass der 23 Jahre alte Sommer-Neuzugang im Saison-Endspurt im Idealfall noch einmal ins Geschehen eingreifen kann.

[15.05.2014] Thiago verletzt sich erneut am Knie und muss – erneut – operiert werden. Die Saison, inkl. WM, ist somit beendet.

Der Mittelfeldspieler erlitt im Training am vergangenen Montag einen erneuten Innenbandanriss im rechten Knie. Thiago wird nun zeitnah operiert.

[15.05.2014] Thiago wurde – erfolgreich – operiert.

Thiago Alcántara wurde am Donnerstag am Innenband des rechten Knies operiert, der rund einstündige Eingriff ist erfolgreich verlaufen. Bis zum Wochenende muss der 23-Jährige noch im Krankenhaus bleiben. Danach wird er 14 Tage eine Gipsschiene tragen müssen, ehe er mit dem Rehabilitationsprogramm beginnen kann.

[05.09.2014] Die Heilung Thiagos läuft nicht wie gewünscht und offenbar gibt es hinter den Kulissen ferner “dicke Luft”.

Seriös können wir nicht sagen, wie lange das noch dauert. Wir können keine genaue Prognose abgeben. Die Entwicklung ist sehr bedauerlich.

So äußerte sich Sportvorstand Sammer.

Das Thema hat im Verein für mächtig Ärger gesorgt, nachdem sich Thiago auf Anraten von Guardiola im April in Barcelona behandeln ließ. Wohl eine Entzündung sorgte dafür, dass dem Spieler dort Kortison gespritzt wurde. Eine Behandlungsmethode, die äußerst umstritten ist, die aber in Fällen wie diesen, wenn es um eine Weltmeisterschaft geht, manches Mal durchaus in Kauf genommen wird.

Offenbar eine recht kurzfristige Sichtweise, denn…

Thiago […] entschied sich für die Kortisonspritzen. Inwieweit die für den erneuten Riss verantwortlich waren, ist seriös nicht zu beantworten, doch es ist bekannt, dass gespritzte Kortikoide das Gewebe angreifen können. Ein anderer Nebeneffekt ist gewiss: Man muss nun warten, bis das Kortison vollständig aus dem Knie verschwunden ist.

Bayern-Arzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hatte vor derlei immer wieder gewarnt und deshalb offenbar Differenzen mit Guardiola gehabt, der derlei medizinische Befugnisse, bzw. “Einmischungen” von Vereinsärzten aus Spanien nicht gewohnt war:

“Frag den Doktor!

[16.09.2014] Thiago kehrt zurück in den Kreis der Mannschaft. Irgendwie.

Der Spanier betrat am Dienstag beim Abschlusstraining vor dem CL-Auftaktspiel gegen Manchester City gemeinsam mit den Teamkollegen den Rasen der Allianz Arena. Anschließend absolvierte er das Aufwärmprogramm mit der Mannschaft, ehe er sein individuelles Aufbautraining fortsetzte.

[09.10.2014] Thiago macht Fortschritte und nimmt teilweise am Mannschaftstraining teil.

Thiago absolvierte erstmals seit seiner schweren Innenbandverletzung im Knie wieder Teile des Mannschaftstrainings.

[15.10.2014] Thiago verletzt sich erneut. Bitter.

Thiago Alcantara hat sich beim Training am Dienstag erneut eine schwere Verletzung zugezogen. Aufgrund einer Narbeninsuffizienz erlitt er bei einem Zweikampf wieder einen Teilriss des Innenbandes im rechten Knie.

[16.10.2014] Thiago soll nun beim Kniespezialisten Steadman operiert werden, der schon mehrere Bayern-Spieler behandelt hat.

Er fliegt in den kommenden Tagen nach Vail im US-Bundesstaat Colorado. Der Spezialist Dr. Richard Steadman wird sich um ihn kümmern.

[17.10.2014] Weitere Experten wie der Sportmediziner Prof. Dr. Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln machen Cortison für Thiagos (Folge)Verletzung verantwortlich:

“Grundsätzlich ist Kortison nicht schlecht. Ein körpereigenes Hormon, das gegen Entzündungen wirkt. Jede Verletzung hat eine Entzündung zur Folge. Die ist wichtig für die Heilung. Möglich, dass eine zu große Kortison-Gabe einen höheren Grad der Heilung vortäuscht, ein Narbengewebe aber noch gar nicht voll belastbar ist. Dann kann es zu Folgeverletzungen kommen.”

[17.10.2014] Bayern-Trainer Guardiola selbst räumt ein, dass Thiagos Behandlung in Spanien ein Fehler war.

Wir haben großes Vertrauen in diesen Arzt [Dr. Cugat]. Vielleicht war das ein großer Fehler.

[18.10.2014] Thiagos Arzt Dr. Cugat wehrt sich gegen die Vorwürfe, seine “Kortison-Behandlung” wäre an der erneuten Verletzung schuld.

Er schrieb auf seinem Twitter-Account, dass die Medien falsch darüber berichtet hätten. “Die Behandlung, die ich bei Thiago vorgenommen habe, basierte nicht auf Kortison erfolgt, sondern auf Wachstumshormonen. Das ist eine Fehlinformation der Medien”, teilte Cugat mit.

[20.10.2014] Bayern-Boss Rummenigge dementiert so ziemlich alle bisherigen Gerüchte und Aussagen zum Thema “Thiago Verletzung”.

“Ich habe den Eindruck, da werden viele falsche Fakten und Unwahrheiten der Öffentlichkeit mitgeteilt. Fakt ist, der Spieler hat sich leider zweimal verletzt. Es gibt keinen Fehler in der ganzen Geschichte. Es gibt weder einen Fehler vom spanischen Arzt noch von einem Arzt hier in Deutschland. Das sind unglückliche Zusammenhänge, die da passiert sind. Thiago wollte schnell fit werden, speziell im Sommer. Deshalb hat er vielleicht die Dinge ein Stück vom Zeithorizont her verkürzen wollen, weil er natürlich auch zur Weltmeisterschaft wollte. Dafür haben wir Verständnis gehabt. Es war nie ein Thema, dass er in Amerika operiert wird. Es war von Anfang klar, nachdem er sich wieder verletzt hat, dass er in Spanien operiert wird. Der spanische Arzt ist ein sehr guter Arzt, der übrigens auch dieselbe Technik anwendet, die in Vail in Amerika angewandt wird. Er wird morgen operiert. Es gibt auch keinen medizinischen Dissens bei Bayern München. Es wird ein Arzt von Bayern München, Dr. Hänsel, bei der Operation in Barcelona dabei sein.”

Offen bleibt, ob die Pressemitteilung so gewollt, man eher von den Gerüchten “getrieben” war, oder einfach nur “Ruhe in das Thema” bringen wollte. Auch in den “Konflikt” zwischen Pep und den Bayern-Ärzten. Und ob es diesen Konflikt überhaupt gab oder gibt…

[23.10.2014] Thiago ist erfolgreich operiert worden. Fürs Erste.

Der spanische Nationalspieler ist nach seiner erneuten Innenbandverletzung erfolgreich am rechten Knie operiert worden. Der Eingriff in Barcelona, bei dem FCB-Teamarzt Dr. Lutz Hänsel anwesend war, verlief ohne Komplikationen.

[24.10.2014] Nach dem Dementi der Kortison-Behandlung, kamen nun Doping-Gerüchte rund um Thiagos Behandlung mit – laut seinem Arzt Dr. Cugat – “Wachstumsfaktoren” auf. Miasanrot.de sprach mit Fussballdoping.de.

Fortsetzung folgt…

Um es zusammen zu fassen: Nach Außen wird uns ja der Eindruck vermittelt, dass es so weit bestens läuft. Thiago ist nun erneut operiert, ist guter Dinge und wird – natürlich – “stärker denn je” zurück kommen.

Ich wünsche es ihm. Ich wünsche es aber mir (und dem FC Bayern), dass es hier nicht tatsächlich irgendwelche, im Hintergrund schwelende Konflikte gibt. Ich will nicht, dass das, was wir uns seit 2010 aufgebaut haben, durch solche Streitigkeiten zerstört wird. Derlei wäre vielleicht im Sinne unserer (sportlichen) Konkurrenz, aber Bayern-like und professionell wäre es nicht.

Am Ende des Tages bin ich aber auch nur ein Fan, der von Medizin, Hochleistungssport, PR & Krisenmanagement keine Ahnung hat. Ich mache mir Sorgen (sic!) um Thiago und dass wir all die bisherigen Momente des Lichts & Glücks aufgrund seines Spiels nicht noch einmal erleben dürfen. Es wäre schade. Für mich, für uns, für seine Mannschaft(en) und auch für alle Anderen, die sich – fernab der Vereinszugehörigkeit und der damit verbundenen Emotionalität – schlichtweg an schönem Fußball und mit besonderem Talent gesegneten Spielern erfreuen können.

Hoffen wir das Beste.

Weitere Links zum Thema:

Die Akte Robben 01/10 – was bisher geschah

Die Akte Robben 02/10 – es wird nicht besser

Die Akte Robben 03/10 – kurz vor der Entscheidung?

Die Akte Robben 04/10 – und die Fifa ist wie immer fein raus

Die Akte Robben 05/10 – das Hornberger Schießen und die Gerichte

Die Akte Robben 06/10 – ein wenig ist die Luft raus

Die Akte Robben 07-08/10 – es brodelt wieder

Die Akte Robben 09/10 – Ende absehbar?

Weisheiten #281

“Es war ein Superspiel. Das muss man genießen, genießen, genießen! Ich hatte immer sehr viel Vertrauen in diese Mannschaft. Physisch sind wir sehr gut, das hat sich ausgezahlt. Und wir können Fußball spielen.”

Arjen Robben, Stehaufmännchen.

Weisheiten #259

“Ich liebe solche Spiele in so einem Stadion mit dieser Atmosphäre. Von mir aus spielen wir jede Woche gegen Dortmund. Das ist ein Supergegner.”

Arjen Robben, BVB-Fan & Ex-Sündenbock.

Bayerische Blaupause oder Saulus-Paulus

Mein Leben ist wie es ist. Ihr kennt das. Ich muss das nicht immer und immer wiederholen. Weil es aber so ist wie es ist, stresst mich nicht allein der Fußball. Zusätzlich war ich von all dem Gezanke und Gestichel ermüdet. Zwischen uns und den Schwarzgelben. Oder umgekehrt. Jeder versuchte sich über Wochen zu positionieren. Bloß nicht nachgeben. Kommunikationshoheit erreichen. Wer findet welchen Trainer, Spieler, Funktionär blöder. Und warum. Logischerweise und per Definition.

All das zog mich runter. Schmälerte meine Vorfreude. Auf das große Finale. Auf ein Finale der letzten drei Jahre. Nicht wenige Borussen erwähnten ja die Analogie zu 1997. Geschenkt. Tatsächlich hätte mir eine Niederlage im Finale der Championsleague unsere Rekordsaison in der Bundesliga nicht kaputt gemacht, aber es hätte doch einen mehr als dunklen Schatten auf unser Projekt “Revanche auf allen Ebenen” geworfen. Ich wollte das nicht. Weiß man immer mehr, was man nicht will, bleibt übrig, was man will. Seine Ruhe haben zum Beispiel. Ruhe vor dem permanenten Hype, dem gegenseitigen Shitstorm zwischen den gegnerischen Fan-Lagern. Anfangs noch aktiv beteiligt, zog ich mich später massiv zurück und freute mich neutral bis relaxed auf unser gemeinsames Endspiel. Viele BVB’ler nahmen mir diese Gelassenheit eher nicht ab, aber tatsächlich war mein Gemütszustand unaufgeregt. Abstreiten will ich hingegen nicht, dass obiger Aspekt (mein Leben) einen ebenfalls nicht geringen Anteil daran hatte.

Irgendwann endet jeder Stress. Irgendwann ist Feierabend und man kann sich… fokussieren. Bei mir war das am Nachmittag des 24.05. der Fall. Meine Tweetrate stieg wieder an, ich beschäftigte mich zunehmend mit “Wembley”, ein paar ruhige Momente ohne Familie am Samstag (Dank an meine Fußball-affine Frau) und die Anreise zum “Private viewing”. Zustand? Ruhiger Puls. Irgendwie – selbst für mich – irritierend.

Anpfiff.

Wie aus dem Nichts überwältigte mich dieser emotionale Wirbelsturm. Alles was ich über Wochen versäumte, was mir die Ruhe brachte, stürzte mit einem Wimpernschlag der Geschichte auf mich ein – da war sie, diese unmenschliche Anspannung. Diese Anspannung, wie sie viele FCB- und BVB-Fans wohl seit Wochen gespürt hatten und welche ich nur abweisend zur Kenntnis genommen hatte. Dieses Gefühl, diese Emotion hatte ich zuletzt empfunden am… 19.05.2012. Da war es wieder dieses Unwohlsein, diese Kombination aus Freude, Angst, Stress, Aufspringen, Los schreien, Verstummen, Schimpfen, Hinsetzen, Aufspringen, Los rennen, Abstoppen, Haare raufen, Fluchen, Trinken, Schreien, Hinsetzen, Daumen drücken, unfassbarem Entsetzen, Aufspringen, Fluchen, Jubeln und Weinen.

Wem sag’ ich das.

Da macht es sich nicht gut, wenn der Gegner unerwartet stärker auftritt als man das selbst über Wochen propagiert hat. Die Klopp-Kicker sperrten uns in ihren Schnellkochtopf ein und drehten am Herdknopf. If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen. Klar. Fassungslosigkeit ob unserer Hilflosigkeit. Wäre Sportkamerad Neuer nicht der Torhüter, der er nun einmal ist, hätte Dortmund sich in dieser Phase der ersten 25 Minuten entscheidend abgesetzt. Aber Neuer ist eben Neuer und deshalb hielt er alles, was es zu halten gab. War das nun dieser Moment, wo man akzeptieren kann, dass Neuer die Verstärkung ist, die uns einmal die Championsleague sichern würde? Nein? Dann lasst mich fortan mit diesem Thema in Ruhe! Weiter im Text.

Meine Bayern gefielen mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht. Zu wenig Bewegung, zu wenig Pässe, zu wenig Risiko. Oder war es doch die Borussia, die so unfassbar lauf bereit und uns somit einfach überlegen war? Mir bricht kein Zacken aus der Krone, diesem Plan A Respekt zu bezeugen. Im Grunde ist dies ein Mittel der Klopp’schen Wahl. Und das – schwarzgelbe Zitate – erstaunte die Fans unseres Gegner nicht minder. Unsere Schwäche in dieser Phase. Ebenso zeichnete sich unter den differenzierten Fan-Vertretern aber mit der ersten Chance der Bayern durch Mandzukic schon das Ende der Herrlichkeit ab. Der Plan A lautete, im Finale der UEFA-Championsleague, alles, einfach alles in einem Rutsch in die Waagschale zu werfen und auf entsprechend fette Beute zu hoffen. Das Pech der Ruhrpottler? Der FC Bayern 2013 ist nicht mehr der FC Bayern des Jahres 2012. Wir hielten stand. Wir sammelten uns. Wir gewannen Zugriff auf das Spiel. Wir befreiten uns. Wir waren auf der Spur.

Zur Halbzeit ein 0:0, welches auch 2:2 oder 2:3 hätte lauten können. Begeisternd, wie auf dem heiligen englischen Rasen die beiden besten deutschen Mannschaften ein Duell mit offenem Visier austrugen. Es war die – von Medien und Marketing-Vertretern herbeigesehnte – “Werbung für die Bundesliga”. Im Detail hatte der BVB 2-3 gute Chancen zur Führung. Als die nicht genutzt wurden, kamen die Bayern zu ihren Chancen. Und sollte Robben zunächst erneut in Weidenfeller seinen Meister finden. Thema #Schimpfen und #Schreien. Entweder es war der “falsche Fuß” oder Arjen versuchte einen Lupfer und zimmerte den Ball ins Gesicht der schwarzgelben Keepers. Schlimm. Das war so 2012.

Nach dem Seitenwechsel sah ich mich hingegen endgültig bestätigt. Wäre ja noch schöner, wenn meine Cato-Tarnung aufgeflogen wäre. Meine Gebetsmühlenartigen Äußerungen, dass die Bayern sich nach 2012 erneut weiter entwickelt haben, fanden hier ihre Belege. Die Bayern haben einen Plan. Einen Plan, mehrere Pläne zu haben. Der BVB hatten einen Plan. Und der reichte eben nicht. Die Bayern dominierten die Dortmunder im zweiten Abschnitt und – ausgerechnet – Robben passte sich spielentscheidend an, wurde der entscheidende Faktor unter vielen, sich während des Spiels verbessernden Faktoren. Wie überrascht muss Weidenfeller gewesen sein, als Robben ihn unmittelbar vor dem 1:0 nicht anschoss sondern einfach umspielte und die 5cm Lücke nutze, um den Ball in die Mitte zu spitzeln? Weidenfeller blieb nur ein Abfälschen des Balles, ein Erreichen blieb ihm erstmals verwehrt. Diese marginale Richtungsänderung ließ aber die verbliebenen Verteidiger vor dem Tor wie Kreisliga-C-Spieler aussehen. Mandzukic hatte keine andere Wahl als die längst verdiente Führung zu erzielen.

Dann die 89. Minute und ein Spielzug, den wir noch unseren Enkeln erzählen werden. Ein Ribéry, der allen Ernstes einen hohen Ball in die Spitze gegen mehrere Verteidiger kontrollieren und rückwärts durch 4-5 BVB-Beine spielen kann. Ein Robben, der im Vollsprint durch die versammelte IV-Elite der Dortmunder spaziert und Weidenfeller erneut in die falsche Reaktion zwingt. Selten zuvor war ein Kullerball für mehr Dynamik noch vor Überqueren der Torlinie verantwortlich. Robben. Arjen Robben. Der Spieler, der für alles Schlechte der Saison 2011/12 fast allein verantwortlich gemacht wurde, dessen Bild in der Öffentlichkeit – außerhalb des FC Bayern – kaum schlechter sein konnte. Dieser Spieler schießt den FC Bayern zum Championsleague-Titel. Sorgt dafür, dass wir das dritte Finale in vier Jahre dann endlich auch verdient gewinnen. Unfassbar. Bilder für die Ewigkeit. Alles nur an Robben festzumachen würde aber zu kurz greifen und den Erfolg des FC Bayern in dieser Saison verfälschen. Der FC Bayern 2012/13 ist nicht nur ein Spieler, der FC Bayern 2012/13 ist ein Team. Eine Wagenburg, ein Kollektiv, ein… fast perfektes Gebilde. Ein Rad greift in das andere und wird eins ausgetauscht, funktioniert das neue zumeist nicht schlechter.

Im Finale ist hier zunächst Neuer zu nennen, der uns – wie erwähnt – bis zur 25. Minute im Spiel hielt. Unsere Viererkette gewann zum gleichen Zeitpunkt von Minute zu Minute an Dynamik. Selbst diese unvorstellbare Dummheit – oder nennen wir es Ungeschicklichkeit? – von Dante, die zum Elfmeter für den BVB führte, glichen wir mannschaftlich aus. Überraschend auch und gerade für mich, dass ein Boateng einem Dante an Einsatz, Willen und entscheidenden Aktionen die Butter vom Brot nahm. Das, was Boateng auf den Rasen brannte, soll hier in jeder Form gewürdigt werden. Einen Spieler, der sich ab der 30. Minute nur noch über das Spielfeld humpelte und versuchte in die Pause zu retten, später aber an der Ereigniskette zu beiden Toren beteiligt war und eine unglaubliche Zweikampfquote aufwies – vor dem muss man schlichtweg niederknien. Kaum vorstellbar, was passiert wäre, wenn unser Trainer auf mich gehört und Boateng im Rahmen seiner Humpelminuten ausgewechselt hätte…

Die Außen – Lahm & Alaba – machten mit zunehmender Spieldauer ebenfalls Druck nach vorne – kaum vorstellbar in den ersten 25 Minuten. Klasse. Weltklasse hingegen unser defensives Mittelfeld. Und hier im Besonderen Herr Martinez. Alter, ist dieser Spieler jeden Cent seiner 40 Mio. Euro Ablöse wert oder nicht? Auch hier: Schaut Euch dieses Finale an, Ihr Neuer- und Martinez-Zweifler!

Unsere Offensive stand ohnehin wie zumeist außerhalb jeglicher Kritik. Persönlich hatte ich mir für Müller eine tragendere Rolle vorgestellt, aber da hatte Herr Subotic was dagegen (ohnehin wäre es ja eher ein Robben-Tor geworden). Unseren Thomas wird das eh nicht kratzen. Mandzukic, Ribéry und Robben (in dieser Reihenfolge) standen hier diesmal für die entscheidenden Szenen parat. Who cares.

Nein, eigentlich verbietet sich eine explizite Hervorhebung eines Spielers. Denn die Mannschaft hat es gerissen. Immer war es ein anderes Teil des Mosaik, welches Entscheidendes auf unserem Weg in dieser Saison geleistet hat. Ein Finale als Blaupause für eine ganze Saison – wie könnte es besser laufen?

Apropos schlecht laufen.

Ich glaube ja tatsächlich, dass wir dieses Spiel auch gewonnen hätten, wenn der Schiedsrichter alle strittigen Situationen gegen uns entschieden hätte. Ribéry also Rot gegen Lewandowski und/oder Dante Geld-Rot für den Tritt gegen Reus bekommen hätten. Kühne Vermutungen, klar. Aber wer weiß schon, wie sich das Spiel entwickelt hätte, wenn allein der erste PV ausgesprochen worden wäre? Komplett unklar. Hätte der BVB überhaupt noch die Luft gehabt, in Überzahl ein “Spiel zu machen”? Wären die 10 Bayern dann nicht erst Recht enger zusammen gerückt?

Im Fußball gleicht sich ja imho zumeist alles aus. So auch in diesem Finale. Denn der Schiedsrichter ließ insgesamt und auf beiden Seiten fast alles laufen. Den Tritt von Lewandowski gegen Boateng, das Trikotziehen gegen Müller, diverse kleinere Fouls auf beiden Seiten, Provokationen, etc.

Derlei soll z.B. die Aktion von Ribéry nicht kleinreden, ich glaube allerdings, dass diese Entscheidung falsch, aber nicht zwingend spielentscheidend gewesen sein mag. Sei es wie es sei, ich glaube schließlich auch daran, dass sich “Glück irgendwann aufbraucht”. So wohl im Falle des BVB. Denn wer hat schon vergessen, dass z.B. gegen Real Madrid nur ein Gegentor zum Ausscheiden gefehlt und gegen Malaga gar nur ein Abseitstor ins Halbfinale geführt hat? Da lasse ich übrigens auch das Argument “aber wir waren doch die bessere Mannschaft, allein die vielen Chancen” nicht gelten. Denn wenn man seine vielen Chancen immer wieder als Argument anbringen muss, dann hat man ein Problem, denn Chancen generieren keine Pokale.

Damit mich keiner falsch versteht: Der BVB hat eine grandiose Championsleague-Saison gespielt und hätte es in dieser Saison nicht den FC Bayern gegeben (den es heuer imho übrigens nur aufgrund des BVB der letzten Jahre gab), hätten die Klopp-Kicker wohl den europäischen Thron bestiegen. Klassischer Fall von Pech gehabt. Wir Bayern können davon ein bis zwei Lieder singen. Deshalb höre ich jetzt auch auf von diesen Dingen zu reden.

Der FC Bayern ist Championsleague-Sieger der Saison 2012/13 und dies nicht unverdient. Punkt. Nächste Saison ist nächste Saison. Jetzt wird erst einmal gefeiert. Also am Sonntag. Unabhängig davon, wie das Pokalfinale am Samstag ausgeht. Klar ist, dass ich auch hier von einem Sieg ausgehe (siehe Cato), aber gespielt werden muss es ja dann trotzdem noch. Ob nüchtern oder mit 1,8 Promille.

Apropos freudetrunken.

Die Nacht des Championsleague-Sieges war die kürzeste Nacht seit dem 19.05.2012. Völlig zu Recht, alles, aber auch wirklich alles wollte ich an Eindrücken mitnehmen. Selbst wenn ein Finale vor Ort einen anders mitnimmt, als vor dem TV – ich war fertig. Und glücklich. Wie wir alle. Hoffen wir, dass es am nächsten Samstag exakt genauso sein wird.

Auf geht’s, Ihr Roten!