Das helle Tor, die Flucht aus der Dunkelheit und die verzweifelte Suche nach dem Glück.

Achtung: Dieser Beitrag könnte schwere Kost enthalten. Wem nicht danach ist, sollte sich die Lektüre für später aufheben.

Seit einiger Zeit lege ich mir in meinem Kopf diesen Beitrag zurecht. Aufgrund der Kommentare zu Deislers Buch und erst Recht rund um den Suizid Robert Enkes.

Viele Menschen trauern um Enke. Viele haben dafür keine Erklärung. Andere schon und lassen uns an ihrem „Wissen“ teilhaben. Unaufgefordert. Zu dumm, dass sie nicht selbst von diesen „Kopf-Krankheiten“ betroffen sind und somit gar nicht wissen können, was all dies für den betroffenen Menschen wirklich bedeutet.

Im Rahmen der Sammlung meiner Gedanken stieß ich auf einen Beitrag von André Zechbauer.

Wer André nicht kennt: André ist Zeit seines Lebens Bayern-Fan und schreibt auf seinem – wie ich befürchte – viel zu unbekanntem (zu Unrecht) Weblog über seine Sicht der Dinge.

Ich lausche seinen Worten eigentlich viel zu selten, komme ich aber dennoch einmal dazu, bemerke ich immer wieder, was ich da verpasse. Selten findet man „in der Szene“ derlei Sprache, Anspruch, Differenziertheit und Qualität.

Bei der Lektüre obiger Worte kam eine weitere Dimension hinzu: Ich war berührt. Zum ersten Mal beim Thema Enke war ich den Tränen nahe.

Wie das?

Zechbauer redet offen darüber, dass „seine Lebensgefährtin ebenfalls an Depressionen mit suizidalen Tendenzen leidet“. Er beschreibt somit aus erster Hand, worüber jetzt all die „Experten“ reden, womit seine Partnerin aber jeden Tag selbst zu kämpfen hat.

„Meine Partnerin weiß es leider Gottes besser. Sie sagte mir gestern, dass der Suizid ein helles Tor ist, durch das man aus der Dunkelheit die einen umgibt flüchten will. Es ist die verzweifelte Suche nach Glück – die Erlösung durch den Tod ist dieses Glück. Man kann als depressiv kranker Mensch nicht einfach nach Hawaii fahren, sich in die Sonne und an den Strand legen und sich dann besser fühlen. Diese Dunkelkeit und Schwere – diese Last der Schwermut – schleppt man überall mit sich herum. Für Viele bleibt da nur ein Ausweg. Robert Enke hat diesen Ausweg gewählt. Nicht weil er eine Wahl gehabt hätte, sondern weil er musste.“

Das ist weiß Gott schwere Kost.

Ich empfinde für derlei Offenheit, sowohl von ihm, als auch ihr (sie hatte ihm in der Vergangenheit erlaubt, darüber zu reden, zu schreiben), tiefe Demut und ehrlichen Respekt. Denn der Aussenwelt einen solch tiefen Einblick in seine Seele zu erlauben, das macht einen zusätzlich zu den schon vorhandenen Problemen auch noch angreif- und verletzbar.

Es hilft aber Anderen. Die unter gleichen oder ähnlichen (Kopf-)Krankheiten leiden. Je mehr man hört, desto mehr erhalten zumindestens die Statistiken ein Gesicht. Denn dass in Deutschland zehn Prozent der Bevölkerung psychisch erkrankt sind, ist ja zunächst einmal sehr abstrakt. Mit einem Mitleidenden ergibt sich allerdings die Chance auf ein Gefühl: „Ich bin nicht allein“.

Noch mehr Offenheit und Hintergrund mag jeder auf Andrés altem Blog Cox orange finden.

Warum aber beleuchte ich hier das Schicksal eines Menschen, den ich nicht kenne und dessen Partner ich allenfalls (leider!) auf einem Bloggertreffen nur mal kurz begrüsst habe?

Weil dessen Krankheit mich an Erlebnisse, Erfahrungen und Leiden aus meiner eigenen Familie erinnert(e).

Mit Rücksicht auf die betroffene Person, werde ich die nötige Distanz bewahren, trotzdem aber auf eine weitere Facette dieser Krankheit des Kopfes eingehen.

Depressionen sind eine Art dieser Krankheiten. Phobien eine andere.

Menschen, die unter Phobien leiden, erleben eine ganz spezielle und individuelle Einschränkung ihres Alltages.

Erzählen möchte ich über die sogenannte Agoraphobie. Ich kann dies, weil es vor einigen Jahren ein Outing im ganz persönlichen Umfeld gab. Der Druck wurde einfach zu groß. Der Druck immer wieder neue Ausreden zu finden, sich nicht in Situationen begeben zu müssen, die auf das Raster der Angstzustände passen. Am Ende gab es davon kaum noch welche und die soziale Vereinsamung schritt voran.

Was aber war das Raster?

Zuerst waren es wohl nur einzelne „Probleme“. Flugangst. Platzangst. Immer vorne sitzen wollen (müssen). Lieber mal mit dem Auto, als mit der vollen Bahn zu Arbeit fahren. Nicht mehr ins Kinos, Theater oder andere öffentliche Räume gehen zu können. Eine immer länger und länger werdende Liste. Parallel eine sich stetig steigernde notwendige Vermeidungsstrategie.

Bis zum Ausbruch, zum Outing und einer sich anschließenden Therapie.

Diese Behandlung brachte zu Tage, dass es sich gar nicht um einzelne Ängste handelte, sondern vielmehr zwischen all dem ein Zusammenhang bestand.

Es war die Angst vor der Angst, die immer wieder Panikattacken und -schübe auslöste oder auszulösen drohte. Ohne Hilfe von aussen gab es keine Chance der Spirale zu entkommen. Darauf muss man erstmal kommen. Zum Glück nicht zu spät.

Mit diesem Wissen kann man vielleicht versuchen, sich annähernd vorzustellen, was es für die betroffene Person bedeutete, in fast jedweder Lebenssituation eine mögliche Paniksituation zu vermeiden. Angst davor zu haben, aus einer gewissen Lage nicht herauszukommen. Sei es tatsächlich körperlich (Flug-, Zug-, Bus-, Autoreise, etc.) oder nur über persönlich empfundene Peinlichkeit (Kino, Theater, Platz Mitte, mitte).

Immer unter Strom. Kein Mensch hält das auf Dauer aus.

Seit ich um diese Dinge weiß, sehe ich die menschliche Psyche mit ganz anderen Augen. Und reagiere ich auch allergisch auf Menschen und deren Worte, Einschätzungen oder auch nur flapsige Bemerkungen, die derlei Probleme als Wischiwaschi abtun.

Nein. Das ist leider kein Wischiwaschi. Für den Betroffenen ist es die ganz individuelle Hölle auf Erden.

Wie für Robert Enke.

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0 Gedanken zu „Das helle Tor, die Flucht aus der Dunkelheit und die verzweifelte Suche nach dem Glück.

  1. @paule: Danke für diese, wohl off-topic zu nennende, Zeilen.

    Das, was hier beschrieben wird, Angstzustände in welcher Hinsicht auch immer, haben sicherlich die meisten Menschen schon selber erlebt. Dies ist eine hervorragende Brücke, um sich, in der dann gesteigerten Form, zumindest ansatzweise vorzustellen, wie es einem Depressiven ergehen kann (muss).

    Wer sich ins Gedächtnis ruft, wenn ein Mensch „Zustände“ im Lift oder an einem Abgrund auf einer Bergtour hat oder oder oder (da kennt wirklich jeder was), der sollte die Phantasie dazu entwickeln können, sich vorzustellen, wenn jemand nicht mehr weiter kann.

    Das hat mit Sport zwar gar nix zu tun. Der hier im Blog dargelegte Gedankengang, zu dem der Tod von Enke Anlass gibt, ist deshalb sehr eindringlich geeignet, darüber mal nachzudenken – und es eben nicht als Wischi-Waschi abzutun. Und sich vielleicht öfter mal zurückhalten mit Äußerungen wie: „Stell dich halt nicht so an!“

    Und morgen haue ich wieder auf Hoeneß und Konsorten drauf. Das muss auch sein.

  2. Zunächst vielen Dank für Dein Lob. Die Brücke zwischen Depressionen und Phobien zu bauen ist keine schlechte Idee. Ängste sind auch ein fundamentaler Bestandteil der Depression. Gestern hatten sie auf Phoenix Thementag zur Volkskrankheit Depression. Dort hieß es: In 10 bis 12 Jahren soll laut Experten die Depression das zweithäufigste Krankheitsbild weltweit sein. Das muss man erstmal sacken lassen.

    Das Thema wird daher zwangsläufig früher oder später immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit kommen. Je sensibler wir darauf reagieren, desto größere Chancen wird es geben, dieser Krankheit angemessen zu begegnen. Schließlich kann es Jeden jederzeit treffen.
    Dein Beitrag – mit der Reichweite dieses Blogs hier – ist ein Schritt zu mehr Bewusstsein beim Leser, um das „Stell Dich nicht so an“ vielleicht demnächst zu vermeiden. Danke dafür.

  3. Ich hatte vor kurzem ein Gespräch mit einem Freund, der Enke Vorwürfe machte, seine Frau und seine Tochter zu verlassen und die Rettungskräften und den Lokfahrer einer imensen Stresssituation auszusetzen.

    Er hatte vorher eine sehr große Wertschätzung für Enke und so konnte ich fragen, ob er Enke als loyal, verantwortungsvoll und integer eingeschätzt habe. Er bejahte dies. Nun fragte ich ihn, ob er Enke für einen liebevollen und verantwortungsvollen Familienvater hielte. Auch das bejahte er, gerade im Hinblick auf die früher verstorbene Tochter.

    Wenn er nun all‘ diese Eigenschaften und Verhaltensweisen Enkes zusammennimmt und gegenüberstellt, wieviel Leid und Kummer er seiner Familie, seinen Freunden und den Rettungskräften aufgebürdet hat, was ihm meiner Meinung nach klar war. So kann man sich vielleicht den unermesslichen Druck vorstellen, unter dem er gelitten haben muss.

    Das hat meinem Freund jedenfalls geholfen, ein wenig zu verstehen, wie es auf der dunklen Seite des Geistes aussehen kann.

  4. Man vergisst häufig, dass wir unser Denken von “ das ist (k)ein Problem“ auf andere projizieren.
    Probleme, die Tatsache was und wie groß ein Problem ist, sind aber individuell.

  5. moin,
    ich ziehe meinen „virtuellen“ hut vor diesem beitrag!
    ich gebe zu das ich durch die regionale nähe etwas sensibler reagiert habe als die meisten hier.
    aber durch die örtliche presse bekomme ich natürlich fast täglich auch private details über die 96 profis.

    hierbei geht es mir auch garnicht um den torhüter des fussballvereins, sondern um den menschen robert enke!

    schon vor 3 jahren war ich schockiert, als robert enke mit seiner todkranken tochter auf dem arm im stadion ne ehrenrunde drehte.
    sie, 1 1/2 jahre alt, im enke trikot, und überall schläuche im gesicht…grauseliger anblick für einen jungen familienvater wie mich.
    der tod seiner tochter kurz danach ging mir deshalb schon recht nahe.

    das er nun offenbar aus angst vor bekanntwerden seiner krankheit und letztlich auch um den verlust seiner 2. (adoptiv) tochter suizid beging ist für mich das eigentlich tragische.
    das ganze war ja eine kette von auslösenden ereignissen bzw. ursachen.
    und das über jahre.

    ich bin im selben alter wie enke, habe eine 10 monate alte tochter und habe mich wahrscheinlich schon deshalb in seine lage versetzt.
    das hat mich selbst fast depressiv gemacht!!!

    viele leute sagen:
    wie kann er so verantwortungslos sein und seine frau und tochter im stich lassen?!?

    ich hingegen sage:
    wie verzweifelt muss enke gewesen sein, um diesen schritt überhaupt in erwägung zu ziehen?
    wie sehr muss er sich tagtäglich gequält haben damit ja keiner erkennt wie schlecht es ihm ging, um seinen job und (am ende der ereigniskette) die bevorstehende adoption nicht zu riskieren?
    wie sich herausstellte wäre die adoption durch seine krankhafte depression nicht gefährdet gewesen…macht das ganze noch tragischer…

    der tod robert enkes hat mich insofern verändert, das ich mein alltägliches leben mehr zu schätzen weiss.
    ich und meine kleine familie leben zwar bescheiden, sind aber glücklich und gesund!
    was kann man sich mehr wünschen ?

    und meine kleine tochter bekommt noch mehr kuschel-einheiten von mir 😉
    denn in die lage wie familie enke möchte ich mich und meine lieben nicht ansatzweise bringen.

  6. @paule: ich lese deinen Blog jetzt seit einem Jahr und bin immer wieder begeistert wie du meine Gedanken zu unserem Lieblingsverein in Worte fassen kannst.
    Aber mit diesem Artikel hast du die „Champions League“ in meinen Augen gewonnen. Wir alle hier sollten mal wieder zurück auf das Grundsätzliche im Leben kommen oder wie Hr. Zwanziger gesagt hat „Fußball ist nicht alles“. Ich hoffe, daß wieder mehr Toleranz gegenüber Schwächeren oder auch Andersdenkenden hier in unsere Gesellschaft einzieht. Mach weiter so

  7. quelle: bild.de

    Andreas Biermann (29) vom Zweitligisten FC St. Pauli wandte sich am Freitag in einer Presseerklärung an die Öffentlichkeit.

    In Biermanns Erklärung heißt es: „Ich, Andreas Biermann, 29 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern, bin Profifußballspieler beim FC St. Pauli und leide seit mehreren Jahren an Depressionen. Ich versuchte mir am 20. Oktober 2009 das Leben zu nehmen.“

    (…)

    Nur drei Tage nach Robert Enkes Tod zog Andreas Biermann persönliche Konsequenzen, ließ sich einweisen. Von nun an befindet er sich auf unbestimmte Zeit in Behandlung.

    RESPEKT !!! alles gute auf diesem wege…

  8. Pingback: DailySoccer 20/11/2009 | Spielfeldrand - Das Magazin

  9. Auch ich hatte einen Fall von Depression in meinem sehr engen Umfeld.
    Von daher weiß ich a) wie schwer ein Outing (= sich in Behandlung begeben) ist, wenn man plötzlich in der „Klappse“ ist und b) wie gut die Krankheit zu behandeln ist und man mit Therapie und den entsprechenden Medikamenten das völlig hinbekommt.
    Das ist es auch, was ich Enke vorwerfe und warum ich mich dem Heldenmythos verweigere: Es ist egoistisch und ignorant, gerade als Familienvater, sich nicht in die Behandlung zu begeben, dann pfeif ich eben auf meine Karriere und werde lieber gesund. Denn man muss nicht glauben, dass dieser Schritt leichter fällt, wenn man nicht Fussballprofi ist.
    Hut ab vor dem Pauli-Profi und dem Basti, die das richtig gemacht haben.

  10. @zechbauer: Gerngeschehen. Das Lob jetzt. Und Danke für Dein positives Feedback. Das war mir wichtig. Gerne will ich auch „die Reichweite“ meines Weblogs für derlei Anliegen „missbrauchen“…

    @vonboedefeld#7: Von dieser Meldung habe ich heute auch gelesen. Dafür meinen ausdrücklichen Respekt. Also Andreas Biermann jetzt. Ob da jetzt doch tatsächlich was in Bewegung gerät? Wäre gut. Und würde wohl auch Leben retten.

    @K1974: Vorwerfen kann man das Enke sicherlich nicht. Oder warst Du in seinem Kopf?! Was allerdings dieses Thema „Heldenmythos“ etc. und was das Boulevard daraus gemacht hat, betrifft, bin ich mehr oder weniger bei Dir.

  11. Pingback: Von harten Männern, drei Punkten und jeder Menge Heuchelei - Breitnigge.de - Ärmel hoch. Stutzen runter.

  12. Ende