Mit Hängen und Würgen!

Um das gleich am Anfang mal klarzustellen:

Kahn hätte sich nicht beschweren können, wenn er für seine gestrige Aktion vom Platz gestellt worden wäre!

Zwar zeigte sich die Szene in der Zeitlupe dramatischer, als in realer Geschwindigkeit, aber die Verzögerung zwischen Aufrappeln und „Umarmung“ war zu lang, als das man von einem Reflex reden könnte, von dem ich dachte Kahn würde ihn zeigen.

Nein. Das war sicherlich nicht in Ordnung, aber „im Affekt“ (Zitat Kahn) so zu handeln, kann man jetzt gut oder schlecht finden, ist anderen Fußballern aber sicherlich auch schon passiert.

Es bleibt allein ein „ausgerechnet Kahn“ (in der 11Freunde #64 war übrigens ein sehr guter Artikel zum Thema „Ausgerechnet…“!)!

Kahn ist zum Titan gemacht worden. Das hat nicht er entschieden oder so gewollt, sondern das Boulevard. Ist im Übrigen auch typisch deutsch. Genauso wie der Reflex einen Titan stürzen zu wollen. Womit wir schon bei der existentiellen Grundlage des Boulevard sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Es ist nicht wirklich vorbildhaft, wenn ein Kahn einen Larsen „umarmt“, einen Brdaric in den Nacken greift, einem Klose in die Nase, einen Herzog schubst (btw: ich hätte damals mit Herzog aufgrund seiner Spielweise im Bayern-Trikot noch ganz andere Sachen anstellen wollen…), einen Herrlich anknabbert oder in der Nähe eines Chapuisat den Bruce Lee gibt!

Aber Kahn hat u.a. 526 Bundesliga-, 54 Pokal-, über 100 CL-, 24 UEFA-Pokal- und 86 Länderspiele absolviert. In wie vielen Spielen fiel er aus der Rolle? Überproportional im Vergleich zu anderen Fußballern?

Das mag man mir erstmal beweisen.

Und Kahn fliegt nie vom Platz?

Mir fällt da spontan der eine oder andere PV ein. Was zum Schmunzeln war auch dabei.

Was ich damit sagen will?

Es sind immer Einzelentscheidungen der Schiedsrichter. Fandel hatte gestern nach eigener Aussage freie Sicht und hat eben auf Gelb entschieden. Ist Fandel jetzt ein Bayern-Sympathisant? Löst er jetzt endlich Markus Merk ab? Haben die Bayern alle Schiedsrichter der Liga bestochen? Seit Jahrzehnten?

Meine Güte, was für ein Unsinn da jetzt aktuell wieder abgesondert wird…

Kann Kahn etwas dafür, dass er nicht öfter vom Platz gestellt wird? Etwa die Bayern?

Wie gesagt, nachdem ich die Szene gesehen hatte, überkam mich schon ein komisches Gefühl und ich war froh, dass er verschont blieb, aber so ein wirres Zeug zu erzählen, dass „jeder andere Torhüter dafür vom Platz gestellt worden wäre“ ist nicht nur polemisch und überflüssig, nein, man begibt sich damit auch auf ganz dünnes Eis.

Beispiel:

Gestern haben die Leverkusener in Mainz die meiste Zeit der ersten Halbzeit wie ein Absteiger gespielt und die Hausherren wie der künftige Meister. Am Ende gewann Vizekusen. Bitter für die Mainzer. Aber in Erinnerung blieb mir eine Szene aus der ersten Halbzeit:

Zidan läuft bei einer der zahlreichen Mainzer Möglichkeiten mehr oder weniger alleine auf Torhüter Adler zu. Die beiden „treffen“ sich kurz vor, aber klar ausserhalb des Strafraums. Nicht nur live, sondern auch in der Wiederholung ist zu sehen wie Adler den Ball mit der Hand spielt und so Zidan eine klare Torchance nimmt.

Der Schiedsrichter bestraft Adler nicht, es bleibt beim 0:0. Der Arena-Kommentator fasst die Szene mit folgenden Worten zusammen:

„Mit einer vergleichbaren Aktion wurde die Bundesliga-Karriere von Jörg Butt beendet.“

Ok. Das ist ein wenig übertrieben, beschreibt aber den Kern der Sache: Butt bekam für sein Handspiel die Rote Karte, Adler nicht. Sowas passiert.

Findet das jemand weit hergeholt?

Ich nicht.

Nochmal. Ein Oliver Kahn steht im Fokus. Fast mehr als jeder andere Spieler in der Bundesliga. Oder wird sonst noch ein anderer bei Auswärtsspielen mit Bananen beworfen? Oder Golfbällen?

Kahn kann damit umgehen. Meistens. Macht ihn nicht gerade das zum Anti-Titan?

Ich persönlich bin auch mehr als jähzornig. Das mag man ebenfalls nicht glauben, wenn man mich ausserhalb des Fußballs erlebt. Ist aber so. Und das ist gut so. Denn Fußball ist emotional. Kahn ist emotional. Hätten einige leblose Abstiegskandidaten im Moment nicht gerne mal einen Kahn im Kader um Leben in die Bude zu bekommen?

Am Ende des Tages bleibt alles beim alten: Man mag Kahn oder nicht. Genauso wie man die Bayern mag oder nicht.

Deshalb ja auch ein „ausgerechnet Kahn“.

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14 Gedanken zu „Mit Hängen und Würgen!

  1. Die ganze Diskussion um ausgerechnet Kahn und so weiter ist etwas albern.

    Aber trotzdem: Wen interessiert es bei dieser speziellen Sache, wie viele Spiele Kahn gespielt hat, wie viele Bälle er gehalten hat, wie viele große und kleine er gegen den Kopf bekommen hat und wer ihn mag und nicht mag? Er hätte eine rote Karte bekommen sollen und gut ist. Lincoln wurde als Wiederholungstäter eingestuft und für fünf Spiele gesperrt (zu Recht!). Kahn konnte kein Wiederholungstäter sein, weil er für diverse andere ähnliche Dinge eben kein rot bekommen hat, also kein überführter Täter war. Denn dass er drei oder wieviele rote Karten auch immer in seiner Karriere bekommen hat, bedeutet doch nicht, dass er nicht noch mindestens drei mehr verdient gehabt hätte, die er eben nicht bekommen hat.

    Und da sind die Aussagen sowohl von Fandel als auch von UH und OH einfach lächerlich, aber auch normal. Stell Dir vor, Neuer hätte Podolski so umgerissen und zu dem Zeitpunkt hätte Schalke eins zu null geführt? Was hätte UH oder was hättest Du da wohl nach dem Spiel gesagt?

    Also die Diskussion ist von beiden Seiten nicht ganz ehrlich und vor allem unerheblich. Kahn ist ein guter Torwart und hat eine verdiente rote Karte nicht bekommen. So, genug jetzt.

  2. Du hast gerne das letzte Wort? Keine Chance. 😉

    Die Anzahl seiner Spiele ist schon nicht unerheblich, weil herausgearbeitet werden muss, dass vieles in der öffentlichen Wahrnehmung eines Oliver Kahns zuweilen selektiv ist. Man pickt es sich heraus. Das wollte ich damit sagen.

    Herr Breuckmann mag damit Recht haben, dass nicht die Journalisten, sondern Kahn derlei Aktionen auf dem Platz starten, aber beim Umgang damit gibt es in seiner Branche eben viel Licht und nicht weniger Schatten. Die Reflexe und Mechanismen sind mir zu eingefahren, zu stereotyp. Ok. Das mag in der Struktur der Medien liegen, vor allem der heutigen, aber deshalb muss man ja nicht der hochwertigen journalistischen Qualität abschwören, oder?

    Das die Aussagen von speziell OH ironisch gemeint gewesen sind, scheint vielen entgangen zu sein, Dir hoffentlich nicht.

    Deine Logik ist also dass ich mich nicht über Kahn-Kritiker äußern sollte, weil ich mich andersherum genauso aufgeregt hätte, wie eben diese jetzt?

    Ein „ausgerechnet Neuer“ hätte es wohl kaum gegeben, von daher klappt der Umkehrschluss nicht so ganz. Abgesehen davon hätte ich mich natürlich aufgeregt, ist ja auch mein gutes Recht. Schließlich bin ich emotionaler Fußball-Fan! 😉

    Darum geht es aber ja gar nicht. Es geht um die Instrumentalisierung in diesem Zusammenhang. Kahns Schwinger wird dazu benutzt die üblichen „ausgerechnet“’s rauszuhauen.

    Ausgerechnet Kahn.
    Ausgerechnet die Bayern.
    Ausgerechnet Fandel.
    Ausgerechnet etc.

    Ich gebe Dir Recht. Kahn kann nicht wie Lincoln als Wiederholungstäter eingestuft werden, weil er bisher nicht in diesem Umfang bestraft wurde. Aber was hindert die Schiedsrichter damit anzufangen? Die große Verschwörung der Schwarzkittel mit dem FCB?

    Gerne wiederhole ich mich da:

    Liebe Schiedsrichter: Fangt an Kahn zu bestrafen, wenn er die Regeln verletzt! Na los!

    So. Mehr kann ich, können wir nicht tun, oder?

  3. Wie gesagt, wir sind der gleichen Meinung. Keine Sonderrolle für Kahn. Obwohl man zu dem Instrumentalisieren von Olli natürlich auch die bayerische Seite sehen muss. Ist es nicht auch Instrumentalisierung, wenn OH sagt, Olli solle endlich mal wieder Kabinentüren eintreten? Und mein „genug jetzt“ sollte natürlich nicht bedeuten, dass ich das letzte Wort haben will…

    Du hast also auch Doppelpass geguckt? Mittlerweile ist diese Sendung wirklich nur noch erträglich, wenn Manni Breuckmann dabei ist. Da bekomme ich sofort Heimweh. Und richtig interessant wäre wirklich mal ein exlusives Interview von Kahn durch Breuckmann!

  4. Das Thema „Kabinentür“ eintreten war symbolisch gemeint. Es war zu wenig Leben in der Mannschaft. Das wollte Hitzfeld ändern. Damit meinte er aber mit Sicherheit nicht die Aktion von gestern…

    DoPa habe ich nur geschaut, weil ich vorher wusste, wer alles da sein wird und ich mich davon überzeugen wollte, ob die Beteiligten genau das zum besten geben würden, was ich im Vorfeld vermutete. Erstaunlicherweise trat es nur zu 85% ein, was schon eine sehr niedrige Quote in diesem Zusammenhang ist. Sonst werde ich bei den dortigen Phrasen selten überrascht…

    Aber generell schaue ich DoPa kaum noch. Tendenz Null.

  5. Den Widerspruch, den Du ansprichst, sehe ich nicht. Ich habe in keinster Weise Kahns Aktion vom Samstag für gut und akzeptabel befunden. Ich habe lediglich das Thema Kahn von mehreren Seiten beleuchtet. Und nicht nur selektiv, wie das einige gerne tun…

    Ferner habe ich mit meinem letzten Satz eben nur die Konsequenzen eingefordert. Wer hindert den DFB / die Schiedsrichter daran, Kahn für sein Verhalten zu bestrafen? Die Bayern? Kahn selbst?

    Genau das wird ja an vielen Stellen in diesem Zusammenhang immer wieder kolportiert.

  6. Es wäre wirklich am besten wenn Bayern die CL gewinnt.

    Zum einen DAS man sie gewinnt und zum anderen das Olli dann seine Karriere beendet. 😉

    Ich bin wahrlich ein „Olli Freund“, nichtsdestotrotz wäre es mal wieder schön mit einen hervorragenden *und* unvorbelasteten Torhüter zu spielen. 😉
    Dann hört auch endlich der Bananenblödsinn auf.

  7. Das geht gar nicht, Oliver: erst einmal: offensichtlich kann Kahn nicht mit Streßsituationen (Bananen etc.) umgehen. Davon abgesehen war der Angriff auf Larsen in einem Heimspiel. Oder bewerft Ihr ihn auch mit Bananen?

    2. kann Kahn nichts dafür, dass er zu selten vom Platz fliegt. Aber er kann sehr wohl etwas dafür, dass er in erschreckender Regelmäßigkeit auf dem Platz austickt. Der Mann ist meiner Ansicht nach psychisch krank und sollte sich behandeln lassen und sei es nur mit einer Stresstherapie.
    Oder willst Du argumentieren, dass der Mann so ist, weil er so selten vom Platz fliegt?

  8. 1. Nein, Bananen waren nicht im Spiel. Dieser Punkt war auch allgemein gemeint und nicht nur auf Bananen bezogen. Es flippt ja auch nicht immer bei jeder Banane aus…

    2. Ob Kahn ’ne Therapie braucht ist Ansichtssache. Eine Therapie kann sicherlich keinem Menschen schaden, ob Kahn das allerdings nötig hat und danach anders reagieren würde, weiß man nicht…

    Man könnte natürlich implizieren, dass Kahn es unterbewußt provoziert vom Platz zu fliegen, bis man ihm Einhalt gebietet, aber das ist Spekulation… 😉

  9. Interessante These
    Dann wäre Kahn so eine Art Serienkiller, der so lange mordet, bis ihn die Polizei schnappt?

    zu 2. Sicher kann man über Notwendigkeit und Erfolgsaussichten einer Therapie diskutieren, aber normal ist sein Verhalten nicht. Und das hat nichts damit zu tun, ob man Kahn mag oder nicht. Der Mann hat seine Aggressionen nicht im Griff. Das ist grundsätzlich erst einmal schlecht (und nicht die Schuld der Schiedsrichter oder der Bananen).

  10. Heute ist ein Interview mit Oliver Kahn bei der Welt erschienen, indem Kahn auf die Frage „Wie zeigen Sie Ihren Kindern Grenzen auf?“ antwortet „Ich ziehe Grenzen, indem ich Sachen bewusst vorlebe und indem ich Dinge deutlich anspreche, und ich versuche Werte zu vermitteln.“.

    Eine bedenkliche Aussage.

    (Hierlang)

  11. Wieso? Er sagt doch nicht, was für Sachen und welche Werte…

    Vielleicht interessieren sich seine Kinder ja auch nicht für Fußball und zu Hause ist der gute Olli die Ruhe und Souveränität in Person.

  12. @Knut: Ich würde Lars da durchaus zustimmen. Weißt Du, wissen wir, ob es einen grundlegenden Unterschied zwischen der Privatperson und dem Sportler Oliver Kahn gibt? Davon abgesehen betrifft obige Aussage und deren Umsetzung wohl nur Kahn und seine Kinder…

  13. Ich stimme überein, das es uns eigentlich alle nichts angeht und das wir alle nicht wissen, welche „Sachen“ er meint.
    Das es einen grundlegenden Untershcied zwischen Privatpersonund Sportler gibt, glaube ich kaum. Ehrgeiz bleibt Ehrgeiz, Überehrgeiz Überehrgeiz und Jähzorn Jähzorn.
    Davon ab ist es für Kahns Kinder nur im Rahmen der Legasthenie bzw völliger Abschottung in dunklen Räumen möglich, die wiederholte Überreaktion ihres Vaters nicht zu bemerken. Insofern maße ich mir an, seine Aussage zumindest lachhaft zu finden. Wie er das dann zuhause regelt, weiß ich nicht, juckt mich auch nicht. Wenn er sowas von sich gibt, muss er mit meiner Reaktion rechnen. Dafür ist er einfach zu oft bestimmten Verhaltensmustern verfallen.

  14. Ende

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