Alles hat ein Ende – auch Zeit, Motivation und Provisorien

Meine Frau sagt mir das schon seit Monaten oder gar Jahren:

Was tust Du Dir das noch an?

Gemeint ist das Bloggen. Und wenn ich mich mal wieder über den einen oder anderen Kommentar aufrege.

Tja, warum eigentlich? Aber der Reihe nach.

(In den nächsten Absätzen werde ich mich – bewusst – wiederholen. Wem das zu viel ist und wer es nicht mehr hören oder lesen mag, klickt bitte hier und überspringt diesen Teil.)

Als ich mit dem Bloggen 2004 angefangen habe, waren ich und mein Leben gänzlich anders als heute. Wer würde dies über einen Zeitraum von 13 Jahren nicht auch von sich behaupten? Meine Frau war noch meine Freundin und dann waren da noch Job und Fußball. Viel mehr nicht (ist natürlich übertrieben, aber übertreiben verdeutlicht). Da ich ohnehin gerne und viel rede, kam dieses „Bloggen“ über mein liebstes Hobby Fußball wie gerufen und – zack – ging es los. Zeit war ja genug da und Themen auch, schließlich war Werder gerade Double-Sieger geworden und wir Bayern hatten Hitzfeld zum zweiten Mal vom Hof gejagt, um ihn mit Felix Magath zu ersetzen.

Da ich damals schon ein politischer Mensch war, bloggte ich neben Themen wie Fußball und den FC Bayern u.a. noch über George W. Bush und die NRW- sowie Bundestagswahl 2005. Dieser Aspekt wird später im Beitrag erst wichtig.

Am Anfang waren wir Blogger fast unter uns und erst langsam, später schneller, wuchs die Zahl der Menschen, Leser, Kommentierer unserer Beiträge. Vieles verändert sich mit der Zeit. Aus meiner Freundin wurde meine Frau, wir bloggten über die Hochzeit 2005, die Hochzeitsreise nach Kanada 2006. Ich entdeckte 2007 neben dem Bloggen Twitter, später Facebook für mich, zunächst als weitere Verbreitungskanäle, dann als völlig eigenständige Diskussionsplattformen zu den gleichen Themen, mit zumeist aber ganz anderen Menschen. Toll.

Es machte mich stolz, als ich die Besucherzahlen auf dem Blog wachsen sah, Zehntausende Menschen pro Monat meine Beiträge lasen, teilweise über 300 Kommentare unter diesen Artikeln zu finden waren. Wieso sollte ich das abstreiten?

Es schmeichelte mir, dass irgendwann der FC Bayern auf mein privates Blog aufmerksam wurde, ich Kooperationen mit „richtigen“ Medien wie der Münchner Abendzeitung einging, später meine Meinung in Podcasts oder Live-Sendungen auf Sport1, Sport1.fm oder Sky gefragt war. All das gehört zu der Geschichte von Breitnigge.de.

Zu dieser Story gehört aber ebenfalls, dass sich Dinge, Lebensverläufe und -Umstände verändern.

Wir bekamen 2008 das erste Kind und ich dachte, dass sich mein Bloggen wandeln würde. Es verwandelte sich nicht. Wir bekamen 2010 das zweite Kind und ich hatte erneut die gleiche Befürchtung. Es veränderte sich allenfalls die Uhrzeit des Bloggens und ein Verschieben des TV-Konsum ins Re-Live.

Im Nachhinein ist mir klar, dass aber schon damals erste Erschöpfungszustände zu Tage traten, die mit einer solchen Belastung oder veränderten Lebensumständen einhergehen. Bei vielen Vätern in vergleichbaren Situationen. Aber erst, als ich 2013 mit dem Höhepunkt meines Fan- und Bayern-Blogger-Lebens – dem Erreichen des Triple – ein Gefühl der Leere spürte, nicht mehr wusste, worüber ich im x.ten Bundesliga-Beitrag noch Neues schreiben sollte, zog ich eine erste Reißleine. Das Ende der regelmäßigen, eigenen Blogbeiträge, die Geburt der „Kommentar-Vorlagen“.

Ich tat dies auf vielfachen Wunsch der Breitnigge-Community, die diese Diskussionsplattform erhalten wollte. Für mich und die Kommentatoren eine praktikable Lösung.

Anfangs hatte ich tatsächlich noch eine „Sabbatical“ Planung, d.h. ich wollte einfach mal ein Jahr Pause machen und sehen, wie es mir danach geht und ob ich ggf. weiter Spielbezogen bloggen wollen würde. Auch 2014 sah ich das noch so und verlängerte mein „Sabbatical“. Heute sind wir (und ich) schlauer. Es wird nie wieder so werden, wie es einmal war. Beim Bloggen wie mit meinen früheren Lebensumständen.

Das 2013 gefundene Konstrukt hätte sicher noch einige Zeit halten können, selbst wenn auch daran immer mal wieder „herum kritisiert“ wurde und einzelne, die „Kommentar-Vorlagen“ eben doch zu inhaltsleer empfanden. Die Mehrheit war immer noch froh über den Stats quo.

Offensichtlich kam der „Bruch“, als ich auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise in Deutschland und Europa nicht anders konnte, als mein politisches Bloggen wieder zu entdecken. Sollte ich dafür ein eigenes Blog eröffnen? Nein, mir war das Thema und meine Reichweite in diesem Zusammenhang wichtiger. Ich will einräumen, dass ich zumindest irritiert war, als sich heraus stellte, wie sehr sich (politische) Ansichten, bzw. Ansätze zur Lösung oder dem Umgang mit dem Thema Flüchtlinge, zwischen mir und einigen – langjährigen – Kommentierern unterschieden. Aber dies ist offenbar ganz normal, wenn man sich ansonsten über viele Jahre nur über das gemeinsame Thema Fußball austauscht.

Als die weitere Diskussion ferner Aspekte der Ökologie & Nachhaltigkeit streifte, traten selbst hier grundsätzliche Unterschiede zu Tage. Mich erreichte der „Vorwurf“, dass man derlei doch nicht auf einem Fußballblog diskutieren müsse. Hier waren über die Jahre viele Dinge in der Wahrnehmung verschmolzen und die Erwartungshaltung an mich als „Content-Lieferant“ – für mich unmerklich – gestiegen.

Dem konnte und wollte ich aber – wie sich herausstellte – nicht gerecht werden.

Warum ich dies (erneut und in epischer Breite) darlege? Weil offenbar in dieser Zeit bei einigen noch etwas hängen geblieben ist.

Wie ich darauf komme? Weil ich 13 Jahre lang immer die Kommentarbenachrichtigung aktiviert hatte und somit (fast) alle Kommentare gelesen habe. Einige der Kommentare enthielten immer mal wieder Bezüge, Spitzen, Nebensätze oder einen gewissen Unterton zu oder aus dieser Zeit. Bis jetzt habe ich darüber hinweg gelesen und mich allenfalls 1-3 Minuten geärgert, aber inzwischen bin ich nun doch an einem Punkt, an dem mir auch dies zu viel ist. Jede Minute ist mir inzwischen kostbar und in Kombination mit dem Eindruck, dass die Kommentarquote aktuell ohnehin weiter rapide sinkt, sehe ich a) immer weniger Grund und habe ich b) nur noch rapide sinkende Lust, weiterhin 3-4 Stunden pro Saison darauf zu verwenden, „leere“ Beiträge zu erstellen, die am Ende des Tages doch kaum jemand nutzt oder nutzen will.

Diese Entscheidung wird nicht dazu führen, dass ich dieses Blog schließe – ich werde lediglich (wie schon angekündigt) nur noch zu, mir wichtigen Themen bloggen, für die 140 Zeichen nicht ausreichen.

Und weil in Kommentaren immer mal wieder „Alternativ“-Blogs wie z.B. „Miasanrot“ erwähnt wurden:

Ich will gerne einräumen, dass ich am Anfang schon ein wenig… neidisch darauf war, was anderswo auf die Beine gestellt wurde und zu was ich nur noch in der Lage war / bin. Daran hatte ich zu knabbern, durchaus. Auch was die mediale Aufmerksamkeit betraf. Aber irgendwann machte es Klick und der Rheinländer in mir trat zu Tage (in Hochdeutsch):

Man muss auch gönnen können!

Jede Blogtätigkeit, jedes Blog, jeder Blogger hat seine Zeit. Meine aktive – regelmäßige – Bloggerzeit ist zu ende. Wie sollte ich mit Mitte 40, zwei Kindern, Teilzeit-Job & -Betreuung plus Ehrenämtern etwas zu leisten im Stande sein, was eine Redaktion von einem Dutzend(?) Autoren schafft?

Eben.

Von daher: Geht rüber, zu all den anderen tollen (aktiven) Bayern-Blogs. Kommentiert dort, wie ihr es hier immer gerne getan habt. 😉

Es war eine tolle Zeit, danke für das Dabeisein. Bis zum nächsten Herzblut-Beitrag!

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13 Gedanken zu „Alles hat ein Ende – auch Zeit, Motivation und Provisorien

  1. Ich lese seit Jahren mit (ca 2009 durch Twitter aufmerksam geworden) noch nie habe ich hier kommentiert aber nahezu jeden Beitrag mit Interesse verfolgt. Ich freue mich immer an deinen Gedanken Teil haben zu dürfen. Heute hatte ich das Bedürfnis danke zu sagen 🙂 immer weiter 😉

    Lg

  2. Bleibt alles anders. Von mir, Mitte 40, zwei Kinder, vollstes Verständnis. Ich habe für mich beschlossen nach jahrelangem Mitlesen einfach öfter zu kommentieren. Zusätzlich zu Miasanrot. Wenn Andere in Abwesenheit des Hausherren auch weiter Ihre Gedanken zu unserem Lieblingsverein teilen würden, wäre ich froh.

  3. Ich bin – nicht ganz überraschend – kein Stammleser, aber tatsächlich einer der ziemlich frühen Stunde, gerade dann, wenn es sowohl fußballspezifisch als auch in anderen Themenfeldern etwas grundsätzlicher wurde. Vielen Dank bis hierher, lieber Paule, und ich freue mich auf regelmäßige Rückfälle.

    Bemerkenswert finde ich dann doch noch, dass es letztlich neben den ganz persönlichen Priorisierierungs- und Zeitmanagementthemen nicht zuletzt die fußballfernen Inhalte gewesen zu scheinen, die Dir den Anstoß gegeben haben, Deinen Ansatz und Aufwand noch einmal grundsätzlich zu überdenken.

  4. Hallo Paule,
    da fühle ich mich doch gleich ein bisserl angesprochen, da ich erst unlängst auf miasanrot hinwies. Das ist in der Tat – wie Du auch selbst schreibst – nicht zu vergleichen, denn dort werkelt ein ganzes Team. Mein Hinweis bezog sich auch eher auf die Kommentare, die bei miasanrot eine Dichte und Meinungsvielfalt zeigen, wie Sie hier mal anzutreffen war.
    Manchmal wirds aber auch zuviel, zu lang und immer wieder entgleisen Diskussionen
    Für mich war breitnigge aber lange Zeit viel mehr als miasarot je sein kann, vielseitig, unberechenbar, aber auch irgendwie vertraut, dahoam. Bin ja erst rund ums Drama dahoam dazugestossen als Kommentierer, aber wir haben tolles erlebt in der Zeit. Ich hatte nie ein Problem mit deinen politischen Einlassungen, da ich sie ohnehin inhaltlich zumeist teilte, aber vor allem weil ich auch glaube, dass es dazu gehört. Aber erkennbar war auch, dass Du damit Leute vergrault hast, die es halt nicht oder zumindest nicht so wollten. Das übliche Problem derer, die auch mal moralisierend unterwegs sind 😉
    Du magst Dich offenbar nicht endgültig von breitnigge.de verabschieden, ich auch nicht. Werde also immer mal wieder vorbeischauen. Mit Twitter und Fakebuk habe ichs nicht so, v.a bei letzterem treibt sich zu viel Gschwerl rum, da macht Kommentieren oft keinen Spaß mehr, so als 576. Beitrag zwischen Unmengen Müll und bloßen Namensnennungen…

  5. Gerade mal geguckt – mein erster Kommentar hier war 04/2007 und es ging um Kloses Geheimverhandlungen mit den Bayern. Inklusive Lemke-.Rant.

    Eine andere Zeit…

  6. Lieber Breitnigge. An deine Spieltagsberichte kommen die Jungs von Miasanrot niemals ran. Zu professionell, zu seriös, zu wenig emotional. Ich vermisse deine Beiträge seit 3 Jahren habe aber schon geahnt dass da nix mehr kommt. Ist ok. Mein Leben ist mit Kids und Beruf ebenso vollgepackt. Good luck für die Zukunft!

  7. Lieber Paule,

    auch ich als stiller, langjähriger Mitleser kann nur Danke sagen für all die Jahre vortrefflicher Unterhaltung und Kurzweil in deinem virtuellen Wohnzimmer.

    Verstehe vollkommen, dass irgendwann die Zeit kommt, in der sich die Prioritäten ändern. In stiller Hoffnung, schaue ich trotzdem weiterhin hier rein und freue mich, wenn es etwas neues gibt. Sei es von deiner Seite oder auch von den zahlreichen Kommentatoren, die so viel mehr bieten als die einschlägige Online-Presse. Und mit miasanrot, twitter und anderen Quellen werde ich nicht warm. Aus meiner Sicht kein Charme und zu gewollt professionell. Da war breitnigge schon immer ein Unikat.

  8. Lieber Paule, danke für dein großes Engagement all die Jahre und für diese Plattform, die für mich und viele andere lange Zeit ein „Exil“ für Bayern Fans bot. Alles hat seine Zeit heisst es und für alles braucht es auch Zeit. Dafür meinen Respekt an dich. Ich werde trotzdem immer mal wieder vorbeischauen und mich freuen, wenn eine rege und positiv gerichtete Diskussion über den Fussball unserers FC Bayern hier entstehen sollte…..

  9. Lieber Paule,

    das Wichtigste zuerst: vielen Dank für diesen Blog, für deine Kreativität und dein Engagement! Mir hat das Mitlesen und gelegentliche Kommentieren all die Jahre viel Spaß gemacht. Manchmal geteilte Euphorie, manchmal Trost bei schlimmen Niederlagen – Breitnigge.de war ein emotionaler Wohlfühlort. Gerne auch mal während eines Spiels eine Emotion rausgehauen, wenn grad sonst außer dem Fernseher niemand zum Anmaulen da war.

    Dass Du den Blog jetzt zwar nicht einstellst, aber noch weiter reduzierst, finde ich zwar sehr schade, aber nach den letzten Jahren und Beiträgen nicht überraschend und sehr nachvollziehbar. Bei mir hast du mit deinen politischeren Beiträgen eher offene Türen eingerannt, und ich habe mich gefreut, dass es da draußen einen (oder sogar mehrere) gibt, die sich nicht nur für den FCB interessieren, sondern auch für die Welt drumherum und vielleicht sogar zu ähnlichen Einschätzungen kommen. Dass das nicht in der ganzen Breitnigge-Community der Fall ist – das ist halt so, und du hast auch dazu (wie eigentlich immer) passende Worte gefunden.

    Ich freue mich auf alle Fälle auf gelegentliche weitere Beiträge und wünsche dir alles Gute!

  10. Ganz selten habe ich kommentiert. Aberimmer gerne gelesen.
    Mich erinnert dein Abschied ein wenig an „Spiel mir das Lied vom Tod“. So, wie dort der „Alte Westen“, die Pioniere und die Pferde der Eisenbahn weichen, ebenso scheinen die Blogpioniere sich zu professionalisieren oder in Online-Redaktionen zu bloggen oder eben sich zurückzuziehen. Früher wurde gebloggt heute auf Facebook, Instagram u.a. sozialen Netzwerken geteilt.
    Schade, aber der Lauf der Zeit.

    Hinzu kommen, neben dem privaten Lebensaspekt, wohl auch bei dir Paule, bei mir u.v.a. die fragwürdigen sportlichen u. sport-politischen Entscheidungen und Entwicklungen des „Herzens-Clubs“, die ihr Übriges zur „Motivation (Smiley)“ und Identifizierung tun.

    Dein Blog war zwischen 2005 und 2013 ein wunderbarer steter Begleiter.

    Danke für tolle Berichte!

  11. Als Anhänger der Löwen habe ich deinen Blog trotzdem immer gerne gelesen. Auch ich kann politisches nicht von anderem trennen und kann das daher nachvollziehen. Mit Menschen ohne humanistisches Weltbild dann wieder völlig normal über andere Sachen zu diskutieren, das kann ich leider auch nicht, es ist für mich untrennbar.
    Tatsächlich lassen diese Ereignisse oder eben auch Kinder (wie bei mir) die Prioriäten verändern.
    Dir alles Gute!

  12. Ende

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