Mein erstes FC Bayern-Heimspiel liegt hinter mir. Jedes Mal eine organisatorische Herausforderung. Jedes Mal eine bächtige Vorfreude. Jedes Mal etwas ganz Besonderes. München, die eigene Arena.
Aufgrund der – speziellen – Karten- und meiner persönlichen Familiensituation sind diese Heimspiele zumeist Europapokalspiele, nur selten Bundesliga-Begegnungen. Mir macht das nichts aus, es spielt der FC Bayern und dies allein ist entscheidend.
Auch diesmal war alles voller Vorfreude, voller wundervoller Momente mit herzlichen Menschen. Aus München. Die man über die sozialen Medien kennen und schätzen gelernt hat. Vor und nach dem Spiel.
Ein perfekter Abend stand bevor.
Und dann kam der Allesversteher in mir durch. Viele Menschen aus dem Umfeld der Ultras, der Hardcore-Fans, des Club Nr.12 wissen dies inzwischen sehr zu schätzen, dass einer wie ich zumindest ein offenes Ohr für sie hat. Nicht für alle, aber für einige, die die gleichen Kanäle nutzen wie ich. Meinen Horizont hat dies erweitert, natürlich.
Ein „Nachteil“ hat diese Herangehensweise dann aber doch.
Trifft man sich umittelbar vor dem Spiel mit Club Nr.12ern und bespricht die aktuelle Einlass-Kontroll-Problematik für die Blöcke 112/113, sieht ferner den Check-In-Schalter, dann passiert es Fans wie mir doch tatsächlich inzwischen, das die eigene Empathie die pure Freude über das berauschende Spiel der eigenen Mannschaft überdeckt.
Sicher, es kann auch eine Rolle gespielt haben, dass ich im Block 225 von allerlei, ich nenn‘ sie jetzt mal, typischen Arena-Fans umgeben war.
Man stelle sich das einmal vor: Die eigene Mannschaft führt dank eines Freistoßtores(!) in der 4.Minute(!) mit 1:0 und es fällt einem nichts Besseres ein, als die eigenen Spieler weiter anzumotzen, wenn nicht jeder Ball sofort am gegnerischen Strafraum landet. Aber dann in der 70.Minute bei einer 5-Tore-Führung das Stadion verlassen. So was regt mich unfassbar auf. So kalt es wieder in einem dieser November-Spiele in der Arena war, ich bleibe natürlich bis mindestens zum Schlusspfiff im Stadion – wo sind wir denn?
Vor dem Spiel wurde ich per Twitter gebeten, doch erneut Videos im Stadion zu drehen. Zum Beispiel von der Stimmung beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung. Nun, nach „Stimmung“ war mir da schon nicht mehr zumute. Sorry.
Ich bin aber in jeder Hinsicht ehrlich: Hätten wir keine zügellose Vorstellung unserer Jungs erlebt, ich wäre zu diesem Zeitpunkt in der gleichen Stimmung gewesen. Weil da Gedanken in meinem Kopf waren, die größere Auswirkungen auf den Verein haben, als ein Torfestival gegen einen überforderten Gegner.
Trotzdem soll dieser Bericht nicht davon handeln, dafür werde ich getrennt in die Tasten hauen. Vielmehr will ich den Versuch starten, das Spiel aus meiner persönlichen Live-Perspektive zu beleuchten.
Das Ergebnis spricht eine deutliche Sprache. Wer das Spiel aber nicht verfolgen konnte, oder zumindest nur die TV-Bilder, dem will ich sagen, dass wir dieses Spiel ernsthaft(!) mit 12:0 hätten gewinnen müssen. Es steht außer Frage, dass der FC Bayern aktuell in einer mehr als guten Verfassung überzeugende Leistungen auf den Rasen brennt. Aber bei diesem Gegner fragte man sich doch über die vollen 90 Minuten, was die für die Königsklasse des europäischen Fußballs qualifiziert hat?
Ich habe mich phasenweise – vor allem in der ersten Halbzeit – gefragt, ob Lille nicht wollte oder nicht konnte. Im Training aufgestellte Slalomstangen leisten größeren Widerstand als die Doggen aus unserem Nachbarland. Unerklärlich.
Am Ende des Spiels sah ich direkt vor meinem Block einen lachenden Arjen Robben zur Ausführung eines weiteren Eckballs schreiten. Der Spieler, der zuvor viermal(!) alleine auf den gegnerischen Torhüter zugelaufen war und nicht eine einzige Chance verwert hatte. Unfassbar. Was willst Du da auch noch machen, als dich darüber kaputt zu lachen?
Oder ein Thomas Müller, der im famosen ersten Abschnitt ebenfalls 1-2 Tore erzielen muss(!)?
Oder ein Shaqiri, der nach seiner Einwechslung mächtig Alarm machte und fast in Ribéry’sche Angstzustände beim Gegner rannte?
Nein, nach diesem Spiel muss man eigentlich fast jeden Spieler in den Himmel loben. Mehr geht kaum.
Weshalb hatten wir in Frankreich so Probleme mit diesen Gegner, weshalb haben wir diese Vorrundengruppe immer noch nicht gewonnen?
Weil wir uns erst in diese – diesjährige – Championsleague hineinarbeiten mussten?
So sieht es wohl aus.
Heuer diskutieren wir die immer noch vorhandenen Schwächen unserer – in fast allen Belangen – schon extrem guten Mannschaft (was bleibt uns auch anderes übrig?) und was passiert?
Wir verbessern uns!
Das kann doch fast nicht wahr sein, dass unser Trainer in den letzten Tagen, 1-2 Wochen tatsächlich mal Standards trainieren lässt und wir dann in einem solchen Spiel wie gegen Lille zwei(!) Freistoßtore erzielen (wenn Robbens Tor auch mehr ein Eigentor war)?
Ist das wirklich passiert, dass ein Lahm drei(!) direkte Vorlagen zu Toren liefert? Noch dazu Flanken über Flanken schlägt, wie wir sie von ihm in dieser Dichte seit Jahren nicht gesehen haben? Ich mein‘, hier zählt auch nicht das Argument „schwacher Gegner“, denn selbst freistehend schafften wir ja in den letzten Jahren kaum brauchbare Flanken. Egal gegen welchen Gegner.
Ich mag all das. Und ich könnte es nicht glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.
Das ist alles Zucker im Moment. Was Alaba schon wieder rennt und spielt und rennt und passt. Was Schweinsteiger seit Wochen in Bestform dirigiert. Was auf einmal Stürmer Nummer 3(!) für Bälle ins Tor zimmert, wo wir doch früher nur einen(!) Topstürmer hatten. Wie sehr sich ein Toni Kroos – trotz immer wieder auftretender schwächerer Spiele – kontinuierlich weiter entwickelt.
Apropos Kroos.
Was war das noch einmal für ein Qualitätssprung nach seiner Einwechslung. Nicht dass hier Thomas Müller schlecht gespielt hätte – ganz im Gegenteil, aber mit Kroos kam da noch mal eine Schippe oben drauf. Unfassbar lässig wie er mit seinem Tor das halbe Dutzend voll machte. So jung der Kerl ist und so viel Potential er auch hat – die Hauptaufgabe der nächsten Zeit wird sein, ihm sein Phlegma auszutreiben, dann ja dann wird der Toni ein Großer. Echt jetzt. Und das von mir…
Die Abwehr wie aus einem Guss, das Mittelfeld in ständiger Bewegung, ganz zu schweigen von unserer Offensive, die in ihrer Qualität und vor allem Breite in Europa fast ihres gleichen sucht – da bleiben kaum noch Wünsche offen.
Ob wir hier demnächst und erneut auf hohem Niveau jammern dürfen/müssen, hängt aber entscheidend von den nächsten Spielen ab.
Gewinnen wir in Valencia ist der „Betriebsunfall“ in Borisov endgültig Geschichte. Schlagen wir das Überraschungsteam aus Frankfurt ebenfalls, könnte das tatsächlich was werden mit herausragenden Perspektiven an Weihnachten.
Und darum geht es ja auch:
Noch ist nix gewonnen. Auch in der letztjährigen Hinrunde war vieles Gold, was im Frühjahr zu Blech wurde.
Hoffen wir das Beste!
Auf geht’s, Ihr Roten!
P.S. Ribéry erhielt seine gelbe Karte nicht für Zeitspiel, sondern für eine Schiedsrichterbeleidigung, weil dieser ihn zur Weißglut gebracht hatte (tatsächlich verletzte sich der gute Franck in diesem Spiel zwar nicht, aber so einige Fouls (es waren doch Fouls, oder?) an ihm wurden nicht geahndet). Die Geste in Richtung SR war nur im Stadion eindeutig zu beobachten.
P.P.S. Lasst Euch nix erzählen, Javi Martinez hat gegen Lille eines, wenn nicht DAS beste Spiel seiner Bayern-Zugehörigkeit absolviert. Ich habe ihn – natürlich – ganz besonders beobachtet und was der an Bällen erobert und gefährlichen Situationen verhindert hat, dazu ferner seine Ausstrahlung – das war schon erwähnenswert. Und ich glaube immer noch fest daran, dass da noch viel mehr Luft nach oben ist. So.